Sanierung

von Václav Havel

Ein Team von Architekten, Ingenieuren, Stadtplaner, Männer und Frauen, planen die Umgestaltung eines lange sich selbst überlassenen Städtchens. Wo - aus Sicht der Regierung, die die Sanierung in Auftrag gibt - Chaos, Schmutz und Armut herrschen, soll endlich Ordnung, Moderne und zukunftsweisender Plattenbau Platz finden. Obwohl klar ist, dass zur Umsetzung ihrer Pläne sowohl die Baumaschinen wie auch die Baumaterialien fehlen werden, plant das Kollektiv weiter gemäß den Vorgaben, steht doch nichts weniger als die Utopie des neuen Menschen Pate für ihre Bemühung. Protestierende Dorfbewohner werden aus dem Verkehr gezogen. Als die politischen Rahmenpläne sich über Nacht ändern, schwenkt das Planungsbüro unnachgiebig auf die neue Linie um: Ab jetzt soll alles bürgernah, regionalbezogen, die Interessen der Betroffenen berücksichtigend, basisdemokratisch und partizipativ geplant werden. Doch längst hat sich eine unsichtbare Melancholie der Gruppe bemächtigt, die Sinnlosigkeit allen Planens und Entwerfens kann nicht mehr geleugnet werden, Eifersucht, enttäuschte Liebschaft, Opportunismus und Intrige machen sich breit. Erneut erscheint ein Abgesandter der Macht und fordert einen weiteren radikalen Richtungswechsel. Wieder wird das Vokabular der Verlautbarungen ausgewechselt …

Die Groteske der Utopie - Sozialistische Planwirtschaft als Start-Up-Unternehmen?

Vaclav Havel (1936 - 2011), Mitinitiator der Charta 77, schrieb “Sanierung” 1987, die Uraufführung fand 1989 in Zürich statt. Inspiriert von Perestroika handelt das Stück vom gescheiterten Versuch, ein nicht reformierbares System zu reformieren. Es begibt sich in die Absurdität einer technokratisch organisierten Gesellschaft, die nicht bemerkt, wie die Worte ihren Sinn verlieren, mit denen sie sich die Zukunft zurecht zu lügen bereit ist. Heute ist die sozialistische Planwirtschaft Geschichte, aber in den emsigen Kreativteams, den Planungsbüros und in Expertenrunden lebt der Wunsch nach Planbarkeit gesellschaftlicher Ordnung munter weiter. Havels “Sanierung” als Skizze sozialistischer Planwirtschaft lässt sich 25 Jahre nach der Wende lesen als Versuchsanordnung der Tragödie der Ingenieurskunst, die sich nach politischen Wechselkursen und Entscheidungen bürokratischer Instanzen verhalten muss, sich dagegen empört, und doch sich letztlich der tristen Realität unterwerfen muss.

Die Sanierung des Kiezes

Im Victoria-Viertel, in dem die meisten der Mitwirkenden von theaterboxring leben , hat sich in den letzten zehn Jahren vieles grundlegend verändert, aus Brachen und Leerstand wurde durchgeplanter Wohnraum, man wartet noch auf den Anschluss durch den S-Bahnhof Ostkreuz. Was ist nun aus der Sanierung des Stadtviertels geworden? Welchen Zwängen unterliegen Planungsteams heute? Wie greifen gesellschaftliche Planspiele und individuelle Lebensentwürfe ineinander?

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