theaterboxring
berlin - lichtenberg

Victoriakiez

Das Schlackebetonhaus

1871 ist Gründerzeit in Berlin. Auf der grünen Wiese, beginnend an der Nöldnerstraße (damals Kietzer Weg) werden die ersten neuartigen Betonwohnhäuser in Deutschland gebaut. Zugleich entstehen Mietskasernen in Moabit u. Wedding, Villenvororte im Westend und Lichterfelde - das steinerne Berlin. 1842 geht die Bahnlinie nach Frankfurt/Oder in Betrieb, die Bahntrasse bildet bis heute die rückwärtige Grundstücksgrenze der Parzellen. Anfangs gibt es weder Straßenbefestigung, noch Wasser-, Gasanschluss u. Abwasserkanalisation. Eine Zisterne versorgt die gesamte Siedlung von 60 Häusern mit Trinkwasser. Die „Berliner Cementbau AG“ der Gebrüder Lehmann hat sich gegründet, um sich mit Bau- und Bodenspekulation zu befassen, die Umwandlung von Wiesenland in das für die damalige Zeit neuartige städtebauliche Vorhaben verspricht eine 50fache Wertsteigerung des Areals. Die »Colonie Victoriastadt« wird von zwei und dreigeschossigen Doppelhäusern auf Einzelparzellen geprägt, z.T. mit Vorgarten angelegt und Garten im Hof. (In der Nöldnerstraße 19 erfolgt um die Jahrhundertwende eine rückwärtige „Remisenbebauung“ zweigeschossig mit Gewerbenutzung). Das Siedlungsmuster orientiert sich an Vorbilder in England. Dorthin hatten die Plüsch- und Wollfabrikanten Lehmann gute Handelsbeziehungen. Die Königin wurde mit dem Siedlungsnamen „Victoria“ gehuldigt, der Kietzer Weg hieß nach der Parzellierung „Prinz Albert Straße“, die Querstraße „Portland“ nach dem Zement. Die Haustypologie unterscheidet sich von der vorherrschenden Bauweise , sie findet Vorbilder in den „Arbeiterhäusern“, den weiterentwickelten „Cottages“ der englischen Suburbs und neugegründeten Gartenstädte. Das Baumaterial ist neu, die Stadtverordneten werden 1871 eigens zu einer „Besichtigung der Versuchs-Station für Concret-Bau gegenüber der Glashütte Boxhagen“ gebeten. 1875 muss die „Berliner Cement Bau AG“ ihre Bautätigkeit einstellen - die weitere Bebauung in der Colonie ab 1879 erfolgt im Stil der vorstädtischen Mietskasernenbebauung in Ziegelbauweise. Die im Volksmund genannten „Schlackehäuser“ sind bei den Bewohnern unbeliebt geblieben. Hausinterne Toiletten werden erst zur Jhdt.wende eingebaut (eine pro Aufgang unter der Treppe), die flurlosen Grundrisszuschnitte mit kleinen Zimmern bringen angesichts der vorherrschenden Überbelegung zusätzliche Probleme, das Trockenwohnen dauert länger als in den Mauerwerksbauten, die städtische Infrastruktur fehlt.

Quellen:

Zementkalender 1932, Zementverlag

Niemeyer, Ein Vorläufer des Betonbaus, 1991

E. Kanow, „Colonie Victoriastadt“, 1981

R. Weber, Guter Beton, 1993 Bauberatung Zement

Bundesverband der Deutschen Zementindustrie, Sonderheft 2001

U. Hassler, H.Schmidt, Häuser aus Beton, 2004

this site is beta 2.0 | allrights reserved | irrtümer vorbehalten | don't disclaim for art